Fastenpredigten

Fastenpredigten

Pfarrer Martin Weber -  im Dialog mit Pastoralreferent Stephan Bedel

Pfarrer:
Um die „Versuchung“ ging es an den Sonntagen dieser Fastenzeit. Angeregt und inspiriert war dieses Thema durch die Kritik des Papstes an der Übersetzung der Vater Unsere Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung“. Doch im Laufe der Sonntage merkten wir, merkte ich selber: Da geht es an die Substanz. Wenn etwa in der Versuchung, oder besser der Erprobung des Abraham deutlich wurde: Glaube hat immer auch mit dem abgründigen Gott zu tun. Am 3. Fastensonntag ging es um die Versuchungen der Freiheit. Freiheit ist ohne Verantwortung und einen ehrlichen Blick auf die eigene Schwäche nicht zu haben. Und am letzten Sonntag ging es um die schlimmste aller Versuchungen, die der Verzweiflung. – Heute im Evangelium sind Griechen, also Fremde, in Jerusalem und sie sagen zu den Aposteln: „Wir wollen Jesus sehen!“ Das wollen auch wir: Jesus sehen. Mit ihm in Verbindung sein. Von ihm Inspiration und Kraft erfahren. Und ihn fragen: Wie ist das mit der Versuchung? Kann man sich das überhaupt vorstellen, dass Jesus, der Menschensohn und der Sohn Gottes, wirklich in der Versuchung gestanden hat?

Stephan:
Ja, der Sohn Gottes kann versucht werden. Davon ist auch im heutigen Evangelium die Rede. Jesus benennt heute die Versuchung, die eigentlich für alle Menschen die grundsätzliche Versuchung darstellt: Die Versuchung, den eigenen Willen über den Willen Gottes zu stellen. Sie ist in der Frage enthalten: „Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde?“ Diese grundsätzliche Versuchung, die von Gott geschenkte freie Entscheidung gegen Gottes Willen zu richten, ist uns allen bekannt. Diese Versuchung stellt eine Erschütterung dar! Alles was bisher klar zu sein scheint, kommt ins Wanken. Jesus, der wie kein anderer Mensch konsequent dem Willen Gottes folgte, spürt die Kraft der Angst vor dem, was ihm bevorsteht. Es ist nicht weniger als die Angst um sein Leben. Er spürt den elementaren Wunsch sein Leben zu retten – und weiß doch, dass es gilt den Willen des Vaters zu erfüllen.

Pfarrer:
Du weißt schon, dass das ganz schön schwer zu verstehen ist. Und vielleicht hat der eine oder andere schon abgeschaltet. Jeder möchte doch sein Leben retten. Das ist schlichte Biologie. Das ist Selbsterhaltungstrieb. Das ist normal. Wie soll ein normaler Mensch das kapieren, was Jesus da sagt. Und ich spiele jetzt einmal den „advocatus diaboli“: Nietzsche hat das ja vor über 100 Jahren in den Verdacht gepackt, dass die christliche Religion eine sei, die die Vitalität und die Kraft ablehnt. Eine Sklavenreligion, eine Religion des Ressentiments.

Stephan:
Das sehe ich nicht so. Für mich ist Jesus der freieste Mensch, den man sich vorstellen kann. Aber seine Freiheit hat eine andere Dimension als die einfache menschliche Freiheit zu tun oder zu lassen, was man will. Die Freiheit Jesu gründet in Gott: Er lebt in einem letzten Vertrauen auf Gott. Er weiß sich bedingungslos geliebt vom Vater. Diese Liebe ermöglicht es ihm, sich selbst zu lieben. Je stärker er diese Zuneigung des Vaters annehmen kann, ihr vertrauen kann, desto geringer wird die Angst im Leben zu kurz zu kommen und etwas Wichtiges zu verpassen. Dieses Vertrauen auf Gottes Zusage überwindet die Angst. Und die Angst ist es, die den Menschen unfrei, „schwach“ macht. Sich von Gott gehalten zu wissen, macht frei, innerlich frei von allen Mächten, die über mich oder mein Leben bestimmen wollen. Weil Jesus darauf vertraut, dass er von Gott gerettet wird,

Pfarrer:
Wenn man das so sieht, werden auch dieses scheinbar paradoxen Aussagen Jesu klarer: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht!“ oder: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es. Wer es er aber geringachtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“. Wenn ich das in eigene Worte fasse, dann könnte das so klingen:  Wer auf Gott vertraut, der darf daran glauben, dass sein Sterben ein Heimgehen ist. Dass er in die Erde Gottes fällt und nichts von dem verloren ist, was er an Gutem getan hat. Dieses letzte Vertrauen gibt aber schon diesem Leben eine neue Qualität: Ich  muss nicht krampfhaft an allem Möglichen festhalten, weil ich denke, dass es mir Erfüllung bringt. Ich muss nicht jedem Scheiß hinterherlaufen, weil ich denke, dass ich das zum Glücklich sein brauche. Gott gibt die letzte Erfüllung. Und da braucht es leere Hände, ein offenes Herz.

Stephan:
Dieser Gedanke ist vielleicht der stärkste unseres christlichen Glaubens, des Christentums. Über den Tod hinaus von Gott gehalten und geliebt zu sein! Oder wie man lange auch sagte, nach dem Tod in den Himmel zu kommen.

Das Vertrauen auf diese Hoffnung ermöglichte Christen zu allen Zeiten auf die Glücksversprechungen der Gesellschaft zu verzichten und ihr eigenes Leben radikal in den Dienst des Nächsten zu stellen. Das Vertrauen auf die unendliche Gemeinschaft mit Gott setzte bei vielen Kräfte, unermessliche Kräfte frei, sich für die Schwachen und Kranken einzusetzen. Es machte aber auch viele Christen mutig, sich gegen gesellschaftliche Systeme zu stellen und in der Verfolgung an der Botschaft Jesu festzuhalten. Die Römer bewunderten bei aller Verfolgung stets den Mut und die Stärke des Glaubens der Blutzeugen. Häufig war das Bekenntnis der Christen so beeindruckend, dass sich Menschen bekehrten und dem Christentum anschlossen. In neuerer Zeit erinnern wir uns gerade in diesen Tagen an den Mut der jungen Geschwister Scholl vor 75 Jahren. Ein anderer evangelischer Christ, der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, hat in einem Gedicht während seiner Gefangenschaft im Gestapo – Gefängnis genau diese innere Freiheit des Glaubens beschrieben: Es ist das Gedicht „Von guten Mächten treu und still umgeben“. Viele von uns kennen es als Kirchenlied. Bonhoeffer führt uns vor Augen, wie er sich bei aller Grausamkeit und Angst, die nach ihm greift, Halt und Freiheit im Vertrauen auf Gott findet.

Pfarrer:
Nicht jeder von uns hat das Format dieser besonderen Menschen. Nicht jeder ist ein Bonhoeffer. Wir kommen wohl auch kaum in die Situation dieser Menschen: Das Schafott und das KZ bleiben uns wohl erspart. Was uns aber ganz gewiss nicht erspart bleiben wird ist, dass wir Schweres und Belastendes tragen, manchmal auch nur ertragen müssen. Da brauchen wir Mut, vor allem Hoffnung Und immer gilt da: Der Barmherzigkeit Gottes vertrauen. Niemals, wie der heilige Benedikt einmal sagt, an dieser Barmherzigkeit verzweifeln! So können wir wie ein Weizenkorn in die Erde Gottes fallen. Uns hingeben. Frucht bringen. Im Leben. Und, wenn es einmal so weit sein wird: auch im Sterben!

Martin Weber, Pfarrer - Stephan Bedel, Pastoralreferent

Von der Freude und der Versuchung der Verzweiflung

Dritter Fastensonntag- Lesejahr B

Liebe Mitchristen,

es sind frohe und hoffnungsvolle, wenn gleich nicht einfache Lesungen und Texte, die der Freudensonntag „Laetare“ für uns bereithält.

Das Buch der Chronik berichtet davon, dass Israel nach den langen Jahren des babylonischen Exils nun endlich zurückkehren darf nach Jerusalem. In jenes Jerusalem, das nicht nur ein Ort, sondern immer auch ein Sehnsuchtswort für jeden gläubigen Juden ist. Auch für uns Christen ist das ein Sehnsuchtswort und  das „himmlische Jerusalem“ ist ein für Bild das ist, was wir unsere ewige Heimat nennen könnten, die Gott uns bereiten will.

Paulus verkündet uns im Brief an die Epheser die frohe Botschaft, dass wir vorgängig zu all unserem Tun „aus Gnade gerettet“ sind. Wir müssen uns nicht wie in einem Hamsterrad die Liebe und Zuneigung Gottes erkämpfen und erstrampeln und - wenn wir schon bei diesem Bild bleiben – oft bleiben die kleinen Hamsterlein dabei auf der Strecke. Sondern zuerst ist Gott mit seiner Zusage: Ihr seid gerettet. Nicht weil wir gut sind, sondern weil Gott gut ist!

Und im Johannesevangelium diese Spitzenaussage der ganzen Heiligen Schrift: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat“. Mit anderen Worten: Gott gibt nicht etwas, er gibt sich selbst in seinem Sohn.

Das sind frohe und hoffnungsvolle Texte und unsere Berufung als Christen ist es, in dieser Freude zu leben. Wunderbar, wenn Menschen das gelingt, wenn  sie genau das ausstrahlen und auch in ihrem Tun bezeugen.

Manchmal aber geht das Leben – oder Gott? – mit den Menschen seltsame Wege.  Schreckliche Wege. Sie werden in dunkle Täler hineingeführt. In die Täler der Verzweiflung. Dort wo sie jeden Zuspruch von außen, nach dem Motto: „Da kommt von irgendwo ein Lichtlein her“ als Verhöhnung empfinden. Wer jemals mit Menschen zu tun hatte, die von heute auf morgen eine schreckliche Krankheit haben; die in einer schlimmen Depression stecken; denen in kürzester Zeit das Liebste auf Erden genommen wird: Kinder, ein Ehepartner, der ahnt, wovon ich spreche. Die Verzweiflung – und damit greife ich ein wenig das Thema der letzten Sonntage auf – ist vermutlich die schlimmste Versuchung, die es gibt. Es gibt die Versuchungen, die aus der Vitalität erwachsen: Die Versuchungen der Macht, des Erfolges, der Sexualität und Ähnliches. Viel subtiler und perfider ist die Versuchung, die aus dem Leid kommt: die der Verzweiflung. Wie ausströmendes Wasser, das nicht zu stopfen ist, fließt das in das Innere. Jede Freude, auch jede Glaubensfreude, scheint erstickt zu sein. Das ist das Chaos im Innern. In jeder heiligen Messe beten wir ein Sturmgebet gegen diese Konfusion, gegen dieses innere Chaos. Nach jedem Vater Unser heißt es „Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten“.

Wie man da heraus kommt? Selbst Jesus kennt diese Verzweiflung. Ihm hilft sein unbedingtes Vertrauen auf den Vater. Am Kreuz betet er den Psalm 22, der mit den Worten beginnt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, aber mit diesem Wort nicht endet. Später heißt es in diesem Psalm: „Denn du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, mich barg an der Brust der Mutter. Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott. Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe und niemand ist da, der hilft“ (Ps. 22,10-12)-  Auch wenn ich Gott im Jetzt nicht spüren kann und alles trüb ist, so kann ich mich zumindest erinnern und darauf verlassen, was ich schon einmal wusste und glauben konnte. In der Erinnerung liegt Erlösung. Auch wenn Gott jetzt so fern scheint, er bleibt der treue Gott. „Wer an dieser Wahrheit festhält“, wird wieder zum Licht kommen. So schwer diese Treue ist, sie allein bewahrt vor der Versuchung der Verzweiflung. Amen.

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Unsere Versuchungen -- aber Jesus weiß, „was im Menschen ist“

Dritter Fastensonntag- Lesejahr B

Liebe Schwestern und Brüder,

um die Versuchungen geht es  in den Predigten der Fastenzeit und um die Bitte des Vater unser:  Führe uns nicht in Versuchung, die wir durchaus verstehen können im Sinn:  Sei bei uns in der Versuchung.

Wir haben den bekannten Text aus dem Buch Exodus über die 10 Gebote gehört. Im Grunde beziehen sich diese Gebote auf unsere Versuchungen:  Gott nicht ernst zu nehmen, sich a- sozial zu verhalten, das Leben der Mitmenschen nicht achten, die Ehe anderer nicht respektieren, mit der Wahrheit schludrig umzugehen und immer wieder der Neid und die Habgier als innere Dispositionen. Auf Gebote reagieren wir allgemein allergisch. Wir mögen sie nicht. Auch die 10 Gebote haben nicht gerade Hochkonjunktur. Aber es geht bei  ihnen nicht um Belanglosigkeiten. Zunächst einmal gibt Gott seinem Volk diese Gebote in einem besonderen Zusammenhang. Er hat es aus der Knechtschaft Ägyptens herausgeführt. Die Gebote Gottes sollen dem Volk helfen, dass es nie wieder in die alte Unfreiheit und Sklaverei zurück fällt. Darum geht es. Nicht wieder in die alte Unfreiheit zurückfallen.

Das ist ein spannendes Thema. Europa ist nicht zu denken ohne den Ruf der Menschen nach persönlicher, politischer und wirtschaftlicher Freiheit. Dass das nicht selbstverständlich ist, erfahren wir tagtäglich. So viele Nachrichten aus Ländern, die all diese Freiheiten gnadenlos unterdrücken. Die Versuchung unserer Zeit ist es aber, dass wir das Wort Freiheit vor allem in Sinne von „Freiheit von“ statt im Sinne von „Freiheit für“ verstehen. Damit wird Freiheit zu einem Synonym für Willkür und Beliebigkeit. Dafür ist Freiheit aber viel zu kostbar, als dass man sie nur buchstabieren könnte als das, was mir gerade in den Sinn kommt oder was mir Lust und Laune macht. Freiheit braucht Verantwortlichkeit und daran erinnern die 10 Gebote. Und die sagen mir vor allem: Freiheit ist nie nur meine Freiheit. Sie hat immer auch mit anderen zu tun: mit Gott und meinen Mitmenschen. Diese Verbindung scheint mir ganz wichtig zu sein: Freiheit braucht Verantwortung, der Einzelne braucht den anderen, die anderen - und die Versuchung der Freiheit ist es, diesen Zusammenhang nicht mehr zu sehen.

Ich möchte aber noch einen Schritt weiter gehen zum Evangelium.  Nicht zum wütenden Jesus, der die Händler aus dem Tempel austreibt.  Sondern zu dem Jesus, von dem es heißt:  „Er brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen: denn er wusste, was im Menschen ist.“  Ein faszinierendes Wort. Auch eines, das uns mit Jesus noch einmal tiefer schauen lässt. Der Mensch ist in gewissen Grenzen frei, so oder so zu handeln. Und die Gebote wollen  eine Art Leitplanken der Freiheit sein. Aber es stellt sich die Frage:  Warum tut der Mensch dennoch immer wieder das Böse?

Ganz einfach: Weil er eben nicht bloß ein rationales und abwägendes Wesen ist, sondern weil er wesentlich bestimmt ist von Gefühlen und Emotionen. Und etwas, das ganz tief in uns drin ist, ist die Angst. Die ist nicht zu verwechseln mit der Furcht. Ich fürchte mich vor konkreten Dinge und das ist ein wichtiges Warnsystem. Die Angst ist schwerer zu fassen. Die Angst nichts zu gelten, die Angst zu kurz zu kommen, die Angst ständig etwas zu verpassen.  Es spricht viel dafür, dass Menschen aus dieser Angst heraus Böses tun. Wie wenn man in einen Abgrund hinein schaut, den man verzweifelt zu schließen versucht. Viel Rücksichtslosigkeit, viel Fremdgehen, viele Lügen, viel Anhäufen von Dingen, viele Sünden gegen den Mitmenschen haben mit der Angst zu tun, etwas zu verpassen, selber zu kurz zu kommen, vor den anderen nichts zu gelten. Das ist die große Versuchung des Menschen! Demgegenüber bedeutet Glaube sich von Gott unbedingt geliebt zu wissen und die Zusage: Wir müssen nicht aus der Angst heraus leben. Wir dürfen im Vertrauen leben. Wer sich von Gott geliebt weiß ist frei! Nicht mehr versklavt in all den Ängsten, die ihn gerne beherrschen möchten. Und hier werden die zehn Gebote noch einmal konzentriert auf das Dreiergebot Jesu: Gott lieben, sich selber und den Nächsten. Nicht umsonst ist die Selbstliebe das wichtige Mittelglied. Weil ich geliebt bin, kann ich selber lieben.

Liebe Schwestern und Brüder,

zwei Versuchungen werden uns am heutigen Sonntag vor Augen gestellt. Die Versuchung, die Freiheit zu missbrauchen, weil sie den Anderen, weil sie die Verantwortung ausblendet. Und die Versuchung, aus dem Lebensgefühl der Angst heraus Böses zu tun und so seine Freiheit zu verlieren. Zur Freiheit aber hat uns Gott befreit und dazu ohne Angst vor ihm zu leben.     Amen

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Die Erprobung des Abraham – Der abgründige Gott

Zweiter Fastensonntag- Lesejahr B

Liebe Schwestern und Brüder,

ich erinnere mich noch, wie ich als Kind diese Lesung gehört habe, wie Abraham seinen Sohn Isaak auf den Berg hinaufbringt, ihn auf den Altar legt, den Dolch erhebt – und erst im letzten Augenblick von Gott gehindert wird, den Mord auszuführen. Seitdem ist mir diese Geschichte als eine der schrecklichsten der Bibel immer präsent gewesen; aber ich habe mich immer herumgedrückt, eine andere Lesung genommen und lieber über „Berg der Verklärung“ gepredigt, den uns das Evangelium vor Augen stellt.

Am letzten Sonntag habe ich aber schon angekündigt, diesmal darüber zu predigen. Auch im Zusammenhang der Frage, ob denn Gott Menschen in Versuchung führe. Am vergangenen Sonntag war das Fazit klar. Die Vater- Unsere Formulierung ist schon in dem Sinn zu verstehen, dass Gott uns in aller Versuchung bewahre und beschütze.

Die heutige Erzählung stellt uns aber einen Gott vor Augen der aktiv in die Versuchung oder besser gesagt: in die Erprobung führt. Abraham wird auf eine Probe gestellt, die an Grausamkeit kaum zu überbieten ist: Seinen einzigen geliebten Sohn soll er opfern. Ohne jede Emotion wird die Geschichte erzählt und trotz dem Happy End bleibt ein sehr bitterer Nachgeschmack: Was soll das für ein Gott sein? Der den Abraham so prüft? Und was ist das für ein Vater, der nicht einmal aufbegehrt, als gefordert wird seinen geliebten Sohn Isaak zu opfern?

Ich will versuchen, den einen oder anderen Zugang zu diesem Text zu erschließen.

Die einfachste Lösung wäre zu sagen: Das ist halt das Alte Testament. Da gibt es ja noch eine ganze Reihe blutrünstiger Stellen. Aber das alles ist doch durch Jesus und das Neue Testament passe´. Eine elegante Lösung. Aber so einfach geht es nicht. Altes und Neues Testament gehören zusammen. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist auch der Gott Jesu Christi.

Ein anderer Zugang ist es, genau hinzuschauen. Denn diese Geschichte wird ja erzählt, gerade weil es nicht zum Äußersten kommt!! Der Engel hält Abraham zurück: „Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide!“ Gott selber greift ein und macht deutlich: Ich bin kein Gott, der Menschenopfer einfordert, erst recht nicht das Leben von Kindern oder Erstgeborenen. Damit grenzt sich Israel ab gegen manche Nachbarvölker, wo gerade dies eine gängige Praxis war.- Dieser Hinweis könnte vorschnell beruhigen. So schlimm ist der alttestamentliche Gott nun doch nicht.

Trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl. Hat es wirklich diese Erprobung des Abraham gebraucht? Kalt und zynisch kommt uns dies vor. Abraham aber scheint sich diese Frage gar nicht zu stellen. Gott prüft und er gehorcht. Genau das ist die Sinnspitze des Textes. Es ist der Höhepunkt der ganzen Abrahams Erzählung. Dieses Nomaden, der sich zu dem einen Gott bekehrt. Auf dessen Wort hin seine angestammte Heimat verlässt. Zum Stammvater eines neuen Volkes wird. Und dem Gott als Zeichen der Verheißung noch in seinem hohen Alter einen Sohn schenkt: Isaak. Wenn er nun aufgefordert wird diesen Isaak zu opfern, steht die ganze Verheißung Gottes auf dem Spiel!

Abraham gehorcht nicht nur, vor allem hat er ein menschlich kaum erklärbares Vertrauen. Obwohl das, was gefordert wird, etwas Unfassbares ist. In der Langfassung der Abraham Geschichte fragt der Sohn: „Hier ist das Feuer……, aber wo ist das Opfer?“ Und sein Vater antwortet mit fast unglaublicher Zuversicht: „Gott wird dafür sorgen“.

Auch das ist nur ein Zugang. Sicher der, der der Geschichte am meisten entspricht. Gott und seiner Verheißung zu trauen, auch wenn wir nur Dunkelheit sehen und meinen, es geht nicht mehr weiter. Jeder kennt das ansatzweise bei sich; weiß um Menschen, denen Ungeheures zugemutet wird. Das sind Prüfungen und Erprobungen, die sich niemand wünscht und aussucht. Da braucht es ein fast schon übermenschliches Vertrauen, wie Abraham es gezeigt hat. Und um dieses Vertrauen, um dieses Hören auf Gott, diesen Ge-hor-sam geht es vor allem.

Aber machen wir uns nichts vor. Trotz aller Erklärungen und Annäherungen: Diese Erzählung bleibt weiter verstörend. Wir haben alle unsere Bilder von Gott Und hier ist ein Gott, der zu all diesen Bildern, Projektionen, ichsüchtigen Wünschen quer steht. Gott ist definitiv kein Erfüllungsgehilfe der Menschen. Er bleibt der „ganz Andere“, auch der Fremde. Das ist die Nagelprobe unseres Glaubens.

In einer Stelle des Hebräerbriefes heißt es: „Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ (Hebr. 10,31). Unser alttestamentlicher Text konfrontiert uns mit einem Gott, der unserem Glauben sehr viel abverlangt. Ob wir dazu die Kraft haben? Amen.

Martin Weber, Pfarrer

Erster Fastensonntag- Lesejahr B 

Versuchung und Erprobung

Großes Aufsehen, liebe Schwestern und Brüder, erntete Papst Franziskus als er die Anregung gab, die Vater-Unser-Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ anders zu übersetzen: „Lass uns nicht in Versuchung geraten“. Und seine Begründung: Ein guter Vatergott führt nicht in Versuchung, das ist das Werk des Teufels. Nun gibt es gute Argumente gegen das Ansinnen des Papstes. Denn die Übersetzung ist korrekt und das kann man nicht einfach umbiegen: „Führe uns nicht in Versuchung“. Und außerdem ist die Bibel voll von abgründigen Passagen, in denen Gott Menschen auch aktiv in „Versuchung“ führt, sie auf eine Art und Weise erprobt, die uns erschüttert. Dazu aber am nächsten Sonntag mehr.

Und doch: Das heutige Evangelium gibt dem Papst recht. Jesus wird in Versuchung geführt. Nicht von Gott, sondern vom Satan, dem personifizierten Bösen. Diese Versuchung wird beim Evangelisten Markus nicht näher beschrieben, anders ist es etwa bei Matthäus: Da kann man sich das schon besser vorstellen. Aber welche Assoziationen kommen uns, wenn wir dieses Wort hören? Ich kann natürlich nicht in Ihren Kopf hineinschauen: Für sehr viele sind Versuchungen mit sehr sinnlichen Dingen verbunden, die man schmecken, riechen und anfassen kann. Eine wunderbare Süßigkeit, eine knusprige Haxe und v.a. das große Feld der Sexualität. Im Markusevangelium ist Versuchung weiter gefasst und das wird an vielen anderen Stellen deutlich: Da geht es darum, dass Jesus auf die Probe gestellt wird, ob er seiner Berufung treu bleibt oder ob er sie verrät. Was ist seine Berufung? Das Evangelium zu verkünden, die Menschen zur Umkehr und zum Glauben aufzurufen und selber den Weg der Liebe und der Hingabe zu gehen. Bis zum Letzten, bis zum Kreuz. In der Wüste musste Jesus darum ringen, was ihm am Jordan eine Stimme vom Himmel zurief: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“

Die Wüste hat ihm aber auch Klarheit gebracht und Kraft gegeben, seinen Weg zu gehen. Als der Kampf bestanden war, spürte er die Gegenwart der Engel, die ihm aus seinem Beten präsent war: „ER befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten“.

Liebe Schwestern und Brüder, auch in unserem Leben gibt es Versuchungen und Erprobungen, die uns zur Stellungnahme herausfordern. Das Schwierige ist: Oft kommen sie verkleidet daher, im Gewand des Anziehenden und Attraktiven. Das macht sie so gefährlich. Ich erinnere mich an die Geschichte eines Afrikaforschers:

Er suchte einen Weg aus der Wildnis heraus und man empfahl ihm – nicht ohne Hintergedanken-  einen, der kurz und sicher sei. Mit seinen Trägern ging er los und nach einigen Stunden kam er durch ein Gebiet, das ihn im wahrsten Sinne des Wortes überwältigte: Millionen von wunderschönen Blumen mit einem betörenden Geruch. Doch er bemerkte auch eine unheimliche Stille. Kein Tier begegnete ihm, die Vögel waren verstummt. Und er realisierte: Diese wunderschönen Blumen mordeten mit ihrem süßen, aber giftigen Duft Tiere und Menschen. Ein Nachtlager wäre der sichere Tod. Mit letzter Kraft mobilisierte er seine Träger und sie ließen diesen Abschnitt hinter sich.

So ist es mit Versuchungen: Sie sind auf den ersten Blick anziehend und attraktiv: Nimm nicht alles so ernst! Mach dich locker! Ruh dich ein wenig aus! Mach‘s dir bequem! Du hast alles Recht dazu! Sei nicht päpstlicher als der Papst!

Wir haben die Fastenzeit begonnen. Auch eine Zeit wo wir auf unsere Versuchungen hinschauen. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir um unsere Wankelmütigkeit und Verletzlichkeit. Alle Regime, alle Diktaturen dieser Welt haben das im Übrigen ausgenutzt. Sie wussten: Die meisten Menschen kann man irgendwo packen: An ihrem Ego, ihrem Selbstbewusstsein, ihrem Willen Erfolg zu haben, an ihren großen und kleinen Lüsten, an ihren Ängsten, an dem, was sie verschweigen und vertuschen. Nur ganz wenige – das ist die desillusionierende Erfahrung - gehen unbeirrt ihren Weg. Keiner kann für sich garantieren und die – die das von sich denken, so sagt es Paulus einmal – sollen aufpassen, dass sie nicht fallen. Und dabei geht es nicht um die zarte Versuchung einer Schokolade. Sondern bei diesen Versuchungen geht es darum: Bleiben wir uns treu? Machen wir uns in Gott fest? Sind wir Menschen, die sich im Spiegel anschauen können?

Sie denken, das sei allzu pessimistisch? Meiner Ansicht nach eher realistisch. In dem Sinn, in dem wir am Mittwoch das Aschenkreuz empfangen haben: „Bedenke Mensch, dass Du Staub bist…“. Und dennoch traut uns das Evangelium zu, Versuchungen und Erprobungen zu bestehen. Es setzt eine Kraft frei, mit der wir den Weg Gottes zu ihm hin und zu den Menschen gehen können. Das mag nicht immer gelingen. Manchmal werden wir fallen. Uns betören lassen von den Blumen und ihrem Duft. Aber in der Kraft Gottes können wir uns aufraffen. Weitergehen.

Jesus hat uns das vorgemacht. Als er am Kreuz stirbt sagt der römische Hauptmann: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ Damit greift er am Ende des Markusevangeliums auf was ganz am Anfang am Jordan gesagt wurde: „Du bist mein geliebter Sohn:“ Auch wir dürfen als geliebte Töchter und Söhne Gottes unseren Weg gehen. Dazu gehören auch die Versuchungen und Erprobungen unseres Lebens. Gerade da kommt es darauf an, sich in Gott festzumachen. Darum beten wir immer wieder. In dem Gebet, das Jesus uns gelehrt hat. „Führe uns nicht in Versuchung“. Oder wie der Papst meint: „Lass uns nicht in Versuchung geraten“ Oder ganz einfach menschlich: Sei bei uns Gott in dem Auf und Ab unseres Lebens.  Amen

Martin Weber, Pfarrer

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