Die Erprobung des Abraham – Der abgründige Gott

Zweiter Fastensonntag- Lesejahr B

Liebe Schwestern und Brüder,

ich erinnere mich noch, wie ich als Kind diese Lesung gehört habe, wie Abraham seinen Sohn Isaak auf den Berg hinaufbringt, ihn auf den Altar legt, den Dolch erhebt – und erst im letzten Augenblick von Gott gehindert wird, den Mord auszuführen. Seitdem ist mir diese Geschichte als eine der schrecklichsten der Bibel immer präsent gewesen; aber ich habe mich immer herumgedrückt, eine andere Lesung genommen und lieber über „Berg der Verklärung“ gepredigt, den uns das Evangelium vor Augen stellt.

Am letzten Sonntag habe ich aber schon angekündigt, diesmal darüber zu predigen. Auch im Zusammenhang der Frage, ob denn Gott Menschen in Versuchung führe. Am vergangenen Sonntag war das Fazit klar. Die Vater- Unsere Formulierung ist schon in dem Sinn zu verstehen, dass Gott uns in aller Versuchung bewahre und beschütze.

Die heutige Erzählung stellt uns aber einen Gott vor Augen der aktiv in die Versuchung oder besser gesagt: in die Erprobung führt. Abraham wird auf eine Probe gestellt, die an Grausamkeit kaum zu überbieten ist: Seinen einzigen geliebten Sohn soll er opfern. Ohne jede Emotion wird die Geschichte erzählt und trotz dem Happy End bleibt ein sehr bitterer Nachgeschmack: Was soll das für ein Gott sein? Der den Abraham so prüft? Und was ist das für ein Vater, der nicht einmal aufbegehrt, als gefordert wird seinen geliebten Sohn Isaak zu opfern?

Ich will versuchen, den einen oder anderen Zugang zu diesem Text zu erschließen.

Die einfachste Lösung wäre zu sagen: Das ist halt das Alte Testament. Da gibt es ja noch eine ganze Reihe blutrünstiger Stellen. Aber das alles ist doch durch Jesus und das Neue Testament passe´. Eine elegante Lösung. Aber so einfach geht es nicht. Altes und Neues Testament gehören zusammen. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist auch der Gott Jesu Christi.

Ein anderer Zugang ist es, genau hinzuschauen. Denn diese Geschichte wird ja erzählt, gerade weil es nicht zum Äußersten kommt!! Der Engel hält Abraham zurück: „Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide!“ Gott selber greift ein und macht deutlich: Ich bin kein Gott, der Menschenopfer einfordert, erst recht nicht das Leben von Kindern oder Erstgeborenen. Damit grenzt sich Israel ab gegen manche Nachbarvölker, wo gerade dies eine gängige Praxis war.- Dieser Hinweis könnte vorschnell beruhigen. So schlimm ist der alttestamentliche Gott nun doch nicht.

Trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl. Hat es wirklich diese Erprobung des Abraham gebraucht? Kalt und zynisch kommt uns dies vor. Abraham aber scheint sich diese Frage gar nicht zu stellen. Gott prüft und er gehorcht. Genau das ist die Sinnspitze des Textes. Es ist der Höhepunkt der ganzen Abrahams Erzählung. Dieses Nomaden, der sich zu dem einen Gott bekehrt. Auf dessen Wort hin seine angestammte Heimat verlässt. Zum Stammvater eines neuen Volkes wird. Und dem Gott als Zeichen der Verheißung noch in seinem hohen Alter einen Sohn schenkt: Isaak. Wenn er nun aufgefordert wird diesen Isaak zu opfern, steht die ganze Verheißung Gottes auf dem Spiel!

Abraham gehorcht nicht nur, vor allem hat er ein menschlich kaum erklärbares Vertrauen. Obwohl das, was gefordert wird, etwas Unfassbares ist. In der Langfassung der Abraham Geschichte fragt der Sohn: „Hier ist das Feuer……, aber wo ist das Opfer?“ Und sein Vater antwortet mit fast unglaublicher Zuversicht: „Gott wird dafür sorgen“.

Auch das ist nur ein Zugang. Sicher der, der der Geschichte am meisten entspricht. Gott und seiner Verheißung zu trauen, auch wenn wir nur Dunkelheit sehen und meinen, es geht nicht mehr weiter. Jeder kennt das ansatzweise bei sich; weiß um Menschen, denen Ungeheures zugemutet wird. Das sind Prüfungen und Erprobungen, die sich niemand wünscht und aussucht. Da braucht es ein fast schon übermenschliches Vertrauen, wie Abraham es gezeigt hat. Und um dieses Vertrauen, um dieses Hören auf Gott, diesen Ge-hor-sam geht es vor allem.

Aber machen wir uns nichts vor. Trotz aller Erklärungen und Annäherungen: Diese Erzählung bleibt weiter verstörend. Wir haben alle unsere Bilder von Gott Und hier ist ein Gott, der zu all diesen Bildern, Projektionen, ichsüchtigen Wünschen quer steht. Gott ist definitiv kein Erfüllungsgehilfe der Menschen. Er bleibt der „ganz Andere“, auch der Fremde. Das ist die Nagelprobe unseres Glaubens.

In einer Stelle des Hebräerbriefes heißt es: „Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ (Hebr. 10,31). Unser alttestamentlicher Text konfrontiert uns mit einem Gott, der unserem Glauben sehr viel abverlangt. Ob wir dazu die Kraft haben? Amen.

Martin Weber, Pfarrer

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