Unsere Versuchungen -- aber Jesus weiß, „was im Menschen ist“

Dritter Fastensonntag- Lesejahr B

Liebe Schwestern und Brüder,

um die Versuchungen geht es  in den Predigten der Fastenzeit und um die Bitte des Vater unser:  Führe uns nicht in Versuchung, die wir durchaus verstehen können im Sinn:  Sei bei uns in der Versuchung.

Wir haben den bekannten Text aus dem Buch Exodus über die 10 Gebote gehört. Im Grunde beziehen sich diese Gebote auf unsere Versuchungen:  Gott nicht ernst zu nehmen, sich a- sozial zu verhalten, das Leben der Mitmenschen nicht achten, die Ehe anderer nicht respektieren, mit der Wahrheit schludrig umzugehen und immer wieder der Neid und die Habgier als innere Dispositionen. Auf Gebote reagieren wir allgemein allergisch. Wir mögen sie nicht. Auch die 10 Gebote haben nicht gerade Hochkonjunktur. Aber es geht bei  ihnen nicht um Belanglosigkeiten. Zunächst einmal gibt Gott seinem Volk diese Gebote in einem besonderen Zusammenhang. Er hat es aus der Knechtschaft Ägyptens herausgeführt. Die Gebote Gottes sollen dem Volk helfen, dass es nie wieder in die alte Unfreiheit und Sklaverei zurück fällt. Darum geht es. Nicht wieder in die alte Unfreiheit zurückfallen.

Das ist ein spannendes Thema. Europa ist nicht zu denken ohne den Ruf der Menschen nach persönlicher, politischer und wirtschaftlicher Freiheit. Dass das nicht selbstverständlich ist, erfahren wir tagtäglich. So viele Nachrichten aus Ländern, die all diese Freiheiten gnadenlos unterdrücken. Die Versuchung unserer Zeit ist es aber, dass wir das Wort Freiheit vor allem in Sinne von „Freiheit von“ statt im Sinne von „Freiheit für“ verstehen. Damit wird Freiheit zu einem Synonym für Willkür und Beliebigkeit. Dafür ist Freiheit aber viel zu kostbar, als dass man sie nur buchstabieren könnte als das, was mir gerade in den Sinn kommt oder was mir Lust und Laune macht. Freiheit braucht Verantwortlichkeit und daran erinnern die 10 Gebote. Und die sagen mir vor allem: Freiheit ist nie nur meine Freiheit. Sie hat immer auch mit anderen zu tun: mit Gott und meinen Mitmenschen. Diese Verbindung scheint mir ganz wichtig zu sein: Freiheit braucht Verantwortung, der Einzelne braucht den anderen, die anderen - und die Versuchung der Freiheit ist es, diesen Zusammenhang nicht mehr zu sehen.

Ich möchte aber noch einen Schritt weiter gehen zum Evangelium.  Nicht zum wütenden Jesus, der die Händler aus dem Tempel austreibt.  Sondern zu dem Jesus, von dem es heißt:  „Er brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen: denn er wusste, was im Menschen ist.“  Ein faszinierendes Wort. Auch eines, das uns mit Jesus noch einmal tiefer schauen lässt. Der Mensch ist in gewissen Grenzen frei, so oder so zu handeln. Und die Gebote wollen  eine Art Leitplanken der Freiheit sein. Aber es stellt sich die Frage:  Warum tut der Mensch dennoch immer wieder das Böse?

Ganz einfach: Weil er eben nicht bloß ein rationales und abwägendes Wesen ist, sondern weil er wesentlich bestimmt ist von Gefühlen und Emotionen. Und etwas, das ganz tief in uns drin ist, ist die Angst. Die ist nicht zu verwechseln mit der Furcht. Ich fürchte mich vor konkreten Dinge und das ist ein wichtiges Warnsystem. Die Angst ist schwerer zu fassen. Die Angst nichts zu gelten, die Angst zu kurz zu kommen, die Angst ständig etwas zu verpassen.  Es spricht viel dafür, dass Menschen aus dieser Angst heraus Böses tun. Wie wenn man in einen Abgrund hinein schaut, den man verzweifelt zu schließen versucht. Viel Rücksichtslosigkeit, viel Fremdgehen, viele Lügen, viel Anhäufen von Dingen, viele Sünden gegen den Mitmenschen haben mit der Angst zu tun, etwas zu verpassen, selber zu kurz zu kommen, vor den anderen nichts zu gelten. Das ist die große Versuchung des Menschen! Demgegenüber bedeutet Glaube sich von Gott unbedingt geliebt zu wissen und die Zusage: Wir müssen nicht aus der Angst heraus leben. Wir dürfen im Vertrauen leben. Wer sich von Gott geliebt weiß ist frei! Nicht mehr versklavt in all den Ängsten, die ihn gerne beherrschen möchten. Und hier werden die zehn Gebote noch einmal konzentriert auf das Dreiergebot Jesu: Gott lieben, sich selber und den Nächsten. Nicht umsonst ist die Selbstliebe das wichtige Mittelglied. Weil ich geliebt bin, kann ich selber lieben.

Liebe Schwestern und Brüder,

zwei Versuchungen werden uns am heutigen Sonntag vor Augen gestellt. Die Versuchung, die Freiheit zu missbrauchen, weil sie den Anderen, weil sie die Verantwortung ausblendet. Und die Versuchung, aus dem Lebensgefühl der Angst heraus Böses zu tun und so seine Freiheit zu verlieren. Zur Freiheit aber hat uns Gott befreit und dazu ohne Angst vor ihm zu leben.     Amen

Ihr Martin Weber, Pfarrer

750 Jahre Rembrücken

Downloads

Scroll to top