Von der Freude und der Versuchung der Verzweiflung

Dritter Fastensonntag- Lesejahr B

Liebe Mitchristen,

es sind frohe und hoffnungsvolle, wenn gleich nicht einfache Lesungen und Texte, die der Freudensonntag „Laetare“ für uns bereithält.

Das Buch der Chronik berichtet davon, dass Israel nach den langen Jahren des babylonischen Exils nun endlich zurückkehren darf nach Jerusalem. In jenes Jerusalem, das nicht nur ein Ort, sondern immer auch ein Sehnsuchtswort für jeden gläubigen Juden ist. Auch für uns Christen ist das ein Sehnsuchtswort und  das „himmlische Jerusalem“ ist ein für Bild das ist, was wir unsere ewige Heimat nennen könnten, die Gott uns bereiten will.

Paulus verkündet uns im Brief an die Epheser die frohe Botschaft, dass wir vorgängig zu all unserem Tun „aus Gnade gerettet“ sind. Wir müssen uns nicht wie in einem Hamsterrad die Liebe und Zuneigung Gottes erkämpfen und erstrampeln und - wenn wir schon bei diesem Bild bleiben – oft bleiben die kleinen Hamsterlein dabei auf der Strecke. Sondern zuerst ist Gott mit seiner Zusage: Ihr seid gerettet. Nicht weil wir gut sind, sondern weil Gott gut ist!

Und im Johannesevangelium diese Spitzenaussage der ganzen Heiligen Schrift: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat“. Mit anderen Worten: Gott gibt nicht etwas, er gibt sich selbst in seinem Sohn.

Das sind frohe und hoffnungsvolle Texte und unsere Berufung als Christen ist es, in dieser Freude zu leben. Wunderbar, wenn Menschen das gelingt, wenn  sie genau das ausstrahlen und auch in ihrem Tun bezeugen.

Manchmal aber geht das Leben – oder Gott? – mit den Menschen seltsame Wege.  Schreckliche Wege. Sie werden in dunkle Täler hineingeführt. In die Täler der Verzweiflung. Dort wo sie jeden Zuspruch von außen, nach dem Motto: „Da kommt von irgendwo ein Lichtlein her“ als Verhöhnung empfinden. Wer jemals mit Menschen zu tun hatte, die von heute auf morgen eine schreckliche Krankheit haben; die in einer schlimmen Depression stecken; denen in kürzester Zeit das Liebste auf Erden genommen wird: Kinder, ein Ehepartner, der ahnt, wovon ich spreche. Die Verzweiflung – und damit greife ich ein wenig das Thema der letzten Sonntage auf – ist vermutlich die schlimmste Versuchung, die es gibt. Es gibt die Versuchungen, die aus der Vitalität erwachsen: Die Versuchungen der Macht, des Erfolges, der Sexualität und Ähnliches. Viel subtiler und perfider ist die Versuchung, die aus dem Leid kommt: die der Verzweiflung. Wie ausströmendes Wasser, das nicht zu stopfen ist, fließt das in das Innere. Jede Freude, auch jede Glaubensfreude, scheint erstickt zu sein. Das ist das Chaos im Innern. In jeder heiligen Messe beten wir ein Sturmgebet gegen diese Konfusion, gegen dieses innere Chaos. Nach jedem Vater Unser heißt es „Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten“.

Wie man da heraus kommt? Selbst Jesus kennt diese Verzweiflung. Ihm hilft sein unbedingtes Vertrauen auf den Vater. Am Kreuz betet er den Psalm 22, der mit den Worten beginnt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, aber mit diesem Wort nicht endet. Später heißt es in diesem Psalm: „Denn du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, mich barg an der Brust der Mutter. Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott. Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe und niemand ist da, der hilft“ (Ps. 22,10-12)-  Auch wenn ich Gott im Jetzt nicht spüren kann und alles trüb ist, so kann ich mich zumindest erinnern und darauf verlassen, was ich schon einmal wusste und glauben konnte. In der Erinnerung liegt Erlösung. Auch wenn Gott jetzt so fern scheint, er bleibt der treue Gott. „Wer an dieser Wahrheit festhält“, wird wieder zum Licht kommen. So schwer diese Treue ist, sie allein bewahrt vor der Versuchung der Verzweiflung. Amen.

Ihr Martin Weber, Pfarrer