Pfarrer Martin Weber -  im Dialog mit Pastoralreferent Stephan Bedel

Pfarrer:
Um die „Versuchung“ ging es an den Sonntagen dieser Fastenzeit. Angeregt und inspiriert war dieses Thema durch die Kritik des Papstes an der Übersetzung der Vater Unsere Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung“. Doch im Laufe der Sonntage merkten wir, merkte ich selber: Da geht es an die Substanz. Wenn etwa in der Versuchung, oder besser der Erprobung des Abraham deutlich wurde: Glaube hat immer auch mit dem abgründigen Gott zu tun. Am 3. Fastensonntag ging es um die Versuchungen der Freiheit. Freiheit ist ohne Verantwortung und einen ehrlichen Blick auf die eigene Schwäche nicht zu haben. Und am letzten Sonntag ging es um die schlimmste aller Versuchungen, die der Verzweiflung. – Heute im Evangelium sind Griechen, also Fremde, in Jerusalem und sie sagen zu den Aposteln: „Wir wollen Jesus sehen!“ Das wollen auch wir: Jesus sehen. Mit ihm in Verbindung sein. Von ihm Inspiration und Kraft erfahren. Und ihn fragen: Wie ist das mit der Versuchung? Kann man sich das überhaupt vorstellen, dass Jesus, der Menschensohn und der Sohn Gottes, wirklich in der Versuchung gestanden hat?

Stephan:
Ja, der Sohn Gottes kann versucht werden. Davon ist auch im heutigen Evangelium die Rede. Jesus benennt heute die Versuchung, die eigentlich für alle Menschen die grundsätzliche Versuchung darstellt: Die Versuchung, den eigenen Willen über den Willen Gottes zu stellen. Sie ist in der Frage enthalten: „Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde?“ Diese grundsätzliche Versuchung, die von Gott geschenkte freie Entscheidung gegen Gottes Willen zu richten, ist uns allen bekannt. Diese Versuchung stellt eine Erschütterung dar! Alles was bisher klar zu sein scheint, kommt ins Wanken. Jesus, der wie kein anderer Mensch konsequent dem Willen Gottes folgte, spürt die Kraft der Angst vor dem, was ihm bevorsteht. Es ist nicht weniger als die Angst um sein Leben. Er spürt den elementaren Wunsch sein Leben zu retten – und weiß doch, dass es gilt den Willen des Vaters zu erfüllen.

Pfarrer:
Du weißt schon, dass das ganz schön schwer zu verstehen ist. Und vielleicht hat der eine oder andere schon abgeschaltet. Jeder möchte doch sein Leben retten. Das ist schlichte Biologie. Das ist Selbsterhaltungstrieb. Das ist normal. Wie soll ein normaler Mensch das kapieren, was Jesus da sagt. Und ich spiele jetzt einmal den „advocatus diaboli“: Nietzsche hat das ja vor über 100 Jahren in den Verdacht gepackt, dass die christliche Religion eine sei, die die Vitalität und die Kraft ablehnt. Eine Sklavenreligion, eine Religion des Ressentiments.

Stephan:
Das sehe ich nicht so. Für mich ist Jesus der freieste Mensch, den man sich vorstellen kann. Aber seine Freiheit hat eine andere Dimension als die einfache menschliche Freiheit zu tun oder zu lassen, was man will. Die Freiheit Jesu gründet in Gott: Er lebt in einem letzten Vertrauen auf Gott. Er weiß sich bedingungslos geliebt vom Vater. Diese Liebe ermöglicht es ihm, sich selbst zu lieben. Je stärker er diese Zuneigung des Vaters annehmen kann, ihr vertrauen kann, desto geringer wird die Angst im Leben zu kurz zu kommen und etwas Wichtiges zu verpassen. Dieses Vertrauen auf Gottes Zusage überwindet die Angst. Und die Angst ist es, die den Menschen unfrei, „schwach“ macht. Sich von Gott gehalten zu wissen, macht frei, innerlich frei von allen Mächten, die über mich oder mein Leben bestimmen wollen. Weil Jesus darauf vertraut, dass er von Gott gerettet wird,

Pfarrer:
Wenn man das so sieht, werden auch dieses scheinbar paradoxen Aussagen Jesu klarer: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht!“ oder: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es. Wer es er aber geringachtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“. Wenn ich das in eigene Worte fasse, dann könnte das so klingen:  Wer auf Gott vertraut, der darf daran glauben, dass sein Sterben ein Heimgehen ist. Dass er in die Erde Gottes fällt und nichts von dem verloren ist, was er an Gutem getan hat. Dieses letzte Vertrauen gibt aber schon diesem Leben eine neue Qualität: Ich  muss nicht krampfhaft an allem Möglichen festhalten, weil ich denke, dass es mir Erfüllung bringt. Ich muss nicht jedem Scheiß hinterherlaufen, weil ich denke, dass ich das zum Glücklich sein brauche. Gott gibt die letzte Erfüllung. Und da braucht es leere Hände, ein offenes Herz.

Stephan:
Dieser Gedanke ist vielleicht der stärkste unseres christlichen Glaubens, des Christentums. Über den Tod hinaus von Gott gehalten und geliebt zu sein! Oder wie man lange auch sagte, nach dem Tod in den Himmel zu kommen.

Das Vertrauen auf diese Hoffnung ermöglichte Christen zu allen Zeiten auf die Glücksversprechungen der Gesellschaft zu verzichten und ihr eigenes Leben radikal in den Dienst des Nächsten zu stellen. Das Vertrauen auf die unendliche Gemeinschaft mit Gott setzte bei vielen Kräfte, unermessliche Kräfte frei, sich für die Schwachen und Kranken einzusetzen. Es machte aber auch viele Christen mutig, sich gegen gesellschaftliche Systeme zu stellen und in der Verfolgung an der Botschaft Jesu festzuhalten. Die Römer bewunderten bei aller Verfolgung stets den Mut und die Stärke des Glaubens der Blutzeugen. Häufig war das Bekenntnis der Christen so beeindruckend, dass sich Menschen bekehrten und dem Christentum anschlossen. In neuerer Zeit erinnern wir uns gerade in diesen Tagen an den Mut der jungen Geschwister Scholl vor 75 Jahren. Ein anderer evangelischer Christ, der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, hat in einem Gedicht während seiner Gefangenschaft im Gestapo – Gefängnis genau diese innere Freiheit des Glaubens beschrieben: Es ist das Gedicht „Von guten Mächten treu und still umgeben“. Viele von uns kennen es als Kirchenlied. Bonhoeffer führt uns vor Augen, wie er sich bei aller Grausamkeit und Angst, die nach ihm greift, Halt und Freiheit im Vertrauen auf Gott findet.

Pfarrer:
Nicht jeder von uns hat das Format dieser besonderen Menschen. Nicht jeder ist ein Bonhoeffer. Wir kommen wohl auch kaum in die Situation dieser Menschen: Das Schafott und das KZ bleiben uns wohl erspart. Was uns aber ganz gewiss nicht erspart bleiben wird ist, dass wir Schweres und Belastendes tragen, manchmal auch nur ertragen müssen. Da brauchen wir Mut, vor allem Hoffnung Und immer gilt da: Der Barmherzigkeit Gottes vertrauen. Niemals, wie der heilige Benedikt einmal sagt, an dieser Barmherzigkeit verzweifeln! So können wir wie ein Weizenkorn in die Erde Gottes fallen. Uns hingeben. Frucht bringen. Im Leben. Und, wenn es einmal so weit sein wird: auch im Sterben!

Martin Weber, Pfarrer - Stephan Bedel, Pastoralreferent

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