Die große Stille

So hieß ein Film, der vor einigen Jahren in unse­ren Kinos lief. Darin begleitet der Filmemacher Philipp Gröning das Alltagsleben der Mönche in der Großen Kartause bei Grenoble. Die Kartäu­ser leben in Gemeinschaft, aber die meiste Zeit verbringen sie in Einsamkeit und Schweigen. So kam ein ganz eigentümlicher Film zustande, der dennoch viele faszinierte. Weil es offensichtlich auch bei uns die Sehnsucht nach so etwas wie Stille gibt. Gewiss nicht immer, aber phasenwei­se, immer wieder einmal.

Vor einigen Tagen war ich mit einer Gruppe aus Heusenstamm in Lourdes. Jeden Nachmittag gibt es dort die Sakramentsprozession. Zwei, dreitausend Menschen waren zusammen ge­kommen. Darunter viele kranke Menschen, de­nen in Lourdes ja das besondere Augenmerk gilt. So zogen wir mit Gebeten und Gesängen hinein in die große, unterirdische Basilika Pius X und die Monstranz mit der gewandelten Hostie, das Allerheiligste, wurde auf den Altar gestellt. Ein Gebet wurde gesprochen und dann war Stil­le: Die Monstranz war angestrahlt, der restliche Raum abgedunkelt. Die meisten knieten, viele sogar auf dem blanken Boden. Es waren tau­sende von Leuten, aber man hätte in diesem Moment fast schon eine Stecknadel fallen hören können. Ein faszinierender Moment der Anbe­tung, der Konzentration.

Wir brauchen solche Momente: Sie sind die See­le unseres Betens, unserer Gottesdienste. Nicht nur Action, pausenlose Aktivität und Dauergerede. Stille brauchen wir, damit unser Inneres wenigs­tens ein wenig zur Ruhe kommt und wir Dem begegnen können, der so unendlich erhaben und zugleich so unglaublich nah ist.

In diesen Tagen beginnt wieder der Kommunion­kurs. Am Beginn einer jeden Kommunionstunde gehen wir mit den Kindern eine Viertelstunde in die Kirche. Bevor wir hineingehen, sage ich immer einen Spruch: „Die Tür geht auf“ und die Kinder antworten: „Der Mund geht zu“. Dann nehmen sie Weihwasser und gehen hinein in diesen besonde­ren Ort, an dem uns Gott nahe ist. An dem das ewige Licht auf Den hinweist, der diesen Ort zu einem heiligen Ort macht. Es ist schade, dass dieses Empfinden immer mehr verloren geht. Dass man vor und nach der Messe zum Beispiel oft gar nicht mehr beten kann, weil andere sich mehr oder weniger laut unterhalten, als wäre die Kirche ein Raum wie jeder andere. Da geht es auch gar nicht darum den Zeigefinger zu erheben oder irgendwie verkrampft zu sein. Es geht vielmehr darum, dass wir Räume der Stille brauchen.

Nicht unser Lärm und Alltagsgeschwätz sind der „Weisheit letzter Schluss“, sondern da ist ein Größerer, der in der Stille zu uns sprechen will.

Es muss nicht immer die „große Stille“ sein, aber die kleinen Momente des Schweigens, die brau­chen wir schon.

Ihr Martin Weber, Pfarrer

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