„Halt die Stellung und bleib katholisch“

so verabschiedet sich zuweilen, schmunzelnd und augenzwinkernd, ein Freund und Kollege von mir. So auch vor wenigen Tagen. Doch diesmal dachte ich: So fühle ich mich im Moment tatsächlich. Dass es wirklich nur darauf ankommt, die „Stellung zu halten“.

Die Nachrichten der letzten Wochen über die Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz haben mir zugesetzt.
Bei allen „Gegenargumenten“:

Die großen Zahlen des Missbrauchs finden im familiären Umfeld statt. Die katholische Kirche wird allein in den Fokus gestellt und andere Organisationen, bei denen Ähnliches geschehen ist, können sich scheinbar zurücklehnen. Die meisten Fälle sind schon viele Jahre her -
bin ich dennoch fassungslos und traurig.

Es ist „meine“ katholische Kirche, in denen Kindern und Jugendlichen Schlimmes angetan wurde. Es sind „meine“ Mitbrüder, die dafür verantwortlich sind. Das lässt mich nicht kalt. Und manchmal denke ich mir, wie schauen die Menschen mich an?

Georg Gänswein, der frühere Sekretär von Benedikt XVI. nennt das Alles den „11. September“ der katholischen Kirche, einige sprechen von der schwersten Krise seit der Reformation. Und ich denke, das ist nicht übertrieben. Zumal, da bin ich mir sicher, weitere Enthüllungen wo auch immer, folgen werden.

Drei Schritte scheinen mir unabdingbar:

- Radikale Aufklärung und Vorrang der Opfer vor dem System: Die Zeit des Verschweigens und Beschönigens muss definitiv vorbei sein. Eine radikalst mögliche Aufklärung, so weh sie auch tut, ist notwendig. Auch in den höheren Rängen der Kirche. Und: Die Opfer - und nicht die Stabilisierung des Systems Kirche - haben absolute Priorität.

- Die Kirche braucht Selbstkritik, Reinigung und eine neue Orientierung an Jesus Christus. Es ist nicht die Stunde plötzlich alles über Bord zu werfen, sondern den Glauben und den Herrn der Kirche wieder ernst zu nehmen. Es ist mühsam sich zu einem Leben nach dem Evangelium zu mühen, nach Heiligkeit zu streben. Aber wo dieser Idealismus fehlt, beginnt der Verrat.

- Gerade jetzt: In der Kirche bleiben! Bischof Stefan Oster schreibt: „Christus bleibt da. Er liebt seine Kirche. Er ist auch bei den Aposteln geblieben, als Judas ihn verraten, Petrus ihn verleugnet hat und unter dem Kreuz alle Jünger davongeraint sind. Er ist geblieben. Und er will uns hel­fen, dass wir alle echter, wahrhaftiger und liebesfähiger werden.“

Gerade Letzteres erinnert mich an den Spruch meines Freundes. Der in diesen Zeiten durchaus eine Richtschnur sein kann: Die Stellung halten – auch wenn uns im Moment manchmal so ganz anders ist. Und katholisch bleiben, Christus in seiner Kirche neu die Ehre geben: im Dienst an ihm und den Menschen.

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

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