Stille Nacht und die Tränen meines Vaters
Die Tränen meines Vaters … versetzen mich in meine Kindheit zurück. Geheult wurde da selten. Zu viele Gefühle zu zeigen galt als, wie man heute sagen würde, uncool. Außer in der Christmette, die mein protestantischer Vater zusammen mit uns, den katholisch getauften Kindern und meiner Mutter besuchte. Die Christmette war spät. Um 23 Uhr. Die meisten Männer hatten um diese Uhrzeit schon einen Kleinen sitzen. Vielleicht hatte das auch einen gewissen Einfluss. Aber man konnte die Uhr danach stellen:

Spätestens am Ende der Mette, als die elektrischen Lichter gelöscht wurden und die erste Strophe von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ ertönte, war es soweit: Meinem Vater liefen die Tränen über das Gesicht.  Vermutlich werden so manche, die das lesen, schmunzeln und Ähnliches berichten können. Dieses Lied weckt bei vielen Menschen, so verschieden sie auch sein mögen, Emotionen.

Und das nun seit genau 200 Jahren. Im Jahr 1818 wurde es zum ersten Mal gesungen. Joseph Mohr, Hilfsgeistlicher im salzburgischen Oberndorf ging morgens zu seinem Freund, dem Dorfschulpfarrer und Organisten Franz Xaver Gruber. Da die Orgel defekt war, wollte Mohr seine Gemeinde dennoch erfreuen und bat Gruber, die von ihm geschriebenen Zeilen in eine passende Melodie für 2 Solostimmen mit Gitarrenbegleitung zu fassen. Gruber tat sein Bestes und komponierte innerhalb weniger Stunden (!) diese Melodie, die uns heute so vertraut ist und zum Welthit geworden ist. Noch in der Nacht sangen Mohr und Gruber zum ersten Mal „Stille Nacht, Heilige Nacht“ und rührten die Herzen der Menschen.  Es war damals eine bitterarme Zeit: Die napoleonischen Kriege waren gerade vorbei und die Auswirkungen noch allerorten zu spüren. Das Jahr 1818 ging in die Annalen ein als Hungerjahr: Unwetter und Missernten brachten Tod und Elend in einem heute unvorstellbaren Maß. Joseph Mohr hat von alldem „gekostet“: Er wuchs in sehr armen Verhältnissen auf, seinen Vater hat er nie kennengelernt. Diese Erfahrungen haben ihn auch in seinem Priester-sein geprägt. Mit seinem Lied will er den Menschen die frohe Botschaft von Weihnachten verkünden. Ganz bewusst spricht er Gefühl und 

Gemüt an, will Sehnsucht und Ergriffenheit wecken. Das hat dieses Lied aber zugleich „verdächtig“ gemacht: Ist das nicht alles Vertröstung, sentimentaler Kitsch?  Ich glaube viel mehr, dass Mohr den Menschen seiner Zeit – und auch uns – sagen möchte: Gott kommt hinein in unsere Nacht. Und diese eine „stille und heilige Nacht“ erhellt er durch die Geburt seines Sohnes. Sich davon anrühren und erschüttern zu lassen ist keine Schande. Das Gefühl, das Empfinden, das Herz ist da mindestens genauso wichtig wie die Ratio, das Nachdenken, der Verstand. Saint Exupery hat dazu das Wort geprägt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Seit 200 Jahren rührt uns dieses Lied an. Es bietet sich uns schutzlos dar, wie Jesus, den es besingt. Es kann nichts dafür, dass es auf Weihnachtsmärkten heruntergenudelt wird bis zum geht-nicht-mehr. Dabei gehört es hinein in die weihnachtlichen Tage. Und für manche macht es aus dem 24. Dezember erst den „Heiligen Abend“:

 „Stille Nacht! Heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh … Stille Nacht! Heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt … Stille Nacht! Heilige Nacht! Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja, tönt es laut von fern und nah: Christ, der Retter, ist da …“

 Ihnen allen wünsche ich frohe und gesegnete Weihnachten. Möge das „Licht der Weihnacht“, von dem das wunderschöne Bild von Christel Holl auf der Titelseite spricht, auch Ihnen etwas bedeuten. Wenn das Lied von Mohr und Gruber dabei mithilft, hat es sein Ziel ganz und gar erreicht.

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

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