Neujahr 2019 - „Ich sehe dich mit Freuden an/ und kann mich nicht satt sehen……“

Liebe Schwestern und Brüder,
so schnell geht es. Gestern Abend haben wir zurückgeschaut auf das vergangene Jahr. Die 12 Rosen, die hier vorne in der Vase stehen, haben dabei geholfen.  Und heute schauen wir nach vorne in das Neue Jahr. Immer sind wir eingespannt zwischen dem, was schon vergangen ist - und dem, was noch nicht ist, erst kommt. Dazwischen ist der Augenblick- und oft scheint es mir das  Allerschwerste darin einfach einmal zu sein. Den Augenblick genießen, schätzen, verkosten.

Vielleicht haben Sie es gemerkt, herausgehört: All diese Dimensionen haben mit dem Sehen, dem Schauen zu tun. Der Rückblick, der Vorausblick und der Augenblick. Auch das Geschehen von Bethlehem, in das uns das Evangelium noch einmal zurückführt, lebt vom Sehen und Schauen.

Maria schaut ihr Kind an. Vielleicht der wichtigste Blick. Das zumindest legt uns die Entwicklungspsychologie nahe. Gerade in den ersten drei  Lebensjahren ist die mimische Kommunikation zwischen Mutter und Kind – sicher auch zwischen  Vater und Kind -  ganz entscheidend. Das unbewegliche Gesicht einer Mutter wäre der Albtraum eines Kindes und kann krank machen. Dagegen ist das gegenseitige Anschauen von Mutter und Kind die Grundlage dafür, dass Kinder emotionale und Empathie-fähige Wesen werden. Da berührt es schon etwas seltsam, wenn man beobachten kann, dass manche Mütter und Väter, wenn sie den Kinderwagen schieben, eher die Bindung zu ihrem Smartphone festigen….

Zurück nach Bethlehem: Es kommen auch andere Menschen, die das Kind anschauen. Die Hirten, die die gute Nachricht von der Geburt des Kindes vernommen haben. Die Weisen aus dem Morgenland, von denen wir am Dreikönigstag hören. Sie kommen um zu huldigen. Sie kommen um anzubeten. Und ich freue mich jedes Jahr, dass wir diesen Liedruf: Kommt, lasset uns anbeten- immer und immer wieder singen.

Maria sieht all das. Und sie macht sich ihre Gedanken. Im Evangelium heißt es: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war in ihrem Herzen und dachte darüber nach“. Das ist eine Art inneres Schauen und Verstehen. Sie ahnt und beginnt immer mehr zu verstehen, dass Gott die großen Verheißungen des Alten Bundes eingelöst hat- und sie hat mit ihrem Ja- Wort einen Anteil daran. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ – hat Saint- Exupery einmal gesagt. Genauso ein Mensch ist Maria. Ihr Augen-Blick gilt ihrem Kind – aber sie sieht tiefer. Sie erkennt in diesem Kind den von Gott verheißenen Messias. Sie sieht mit den Augen und sie sieht mit dem Herzen.

Paul Gerhard, der in einer schrecklichen Zeit, der des 30- jährigen Krieges gelebt hat- und uns doch so wunderschöne Lieder geschenkt hat, hat genau das ins Wort gebracht. In der vierten Strophe von „Ich steh an deiner Krippen hier“ heißt es: „Ich sehe dich mit Freuden an/ und kann mich nicht satt sehen/ und weil ich nun nichts weiter kann/ bleib ich anbetend  stehen./ O dass mein Sinn ein Abgrund wär/ und meine Seel ein weites Meer/ dass ich dich möchte fassen“.- Da schaut der Beter hin auf dieses Kind. Und sein Sehen wird zum Schauen, zum Erkennen. Es ist der große Gott in menschlicher Gestalt. Was bleibt ist Anbetung und fassungsloses Staunen.

Mich fasziniert vor allem dieses: und kann mich nicht satt sehen. Alles auf dieser Welt hab ich irgendwann einmal satt. Es langweilt, es wird zur Routine, es ödet  an. Alles habe ich irgendwann satt. Mit Gott ist es nicht so. Mit ihm bin ich nie fertig. ER hat eine Schönheit, die sich nicht abnutzt. ER ist immer neu. ER ist Anfang und Beginn. ER ist eine Freude, die nicht vergeht. Gott werde ich nie satt haben, im Gegenteil: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen.“

Liebe Schwestern und Brüder,
mit Maria wollen wir in das neue Jahr hineingehen. Von ihr das Sehen. Und das tiefere Schauen, das Verstehen lernen. Mit den Augen sehen. Und dem Herzen. Herzensbildung haben. Empathie. So den Menschen begegnen, die uns anvertraut sind. Amen.

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